Lunes, 27 de octubre de 2008

Du bist doch Anarchist!

Von Jochen Hieber

03. Juni 2008 Am 14. August 1961 schreibt der erst dreiunddreißig Jahre alte, seit der Veröffentlichung des Romanerstlings „Die Blechtrommel“ von 1959 aber schon kometenhaft berühmte Günter Grass an die damals sechzig Jahre alte Dichterin Anna Seghers einen hochdramatischen Brief, mehr noch: Er schreit „um Hilfe“. Am Vortag hatten Arbeiter der DDR unter Aufsicht der Volkspolizei und der Nationalen Volksarmee mit dem Bau der Mauer in Berlin begonnen. Aus dem Westen der Stadt geht das offene Sendschreiben an den Schriftstellerverband der DDR, dessen Vorsitzende die Verfasserin des Jahrhundertromans „Das siebte Kreuz“ seit inzwischen neun Jahren ist. „Heute stehen Alpträume als Panzer an der Leipziger Straße, bedrücken jeden Schlaf und bedrohen Bürger, indem sie Bürger schützen wollen“, notiert Grass, der an diesem Augusttag als Autor und Bürger jenes politische Engagement beginnt, das bis heute fortdauert.

In dem Brief ist sogleich auch das zentrale Motiv enthalten, das Grass in Aberdutzenden von Reden und tagesaktuellen Einlassungen, bei Hunderten von Wahlkampfauftritten und in kaum zu zählenden öffentlichen Diskussionen von nun an in Varianten immer wieder aufs Neue als Grund für das Verlassen des literarischen Elfenbeinturms anführen wird: Es ist der Schatten, den die nationalsozialistische Vergangenheit auf nahezu jedes aktuelle politische Geschehen wirft. Also ruft er Anna Seghers zwar auf, sie möge „als schwache und starke Frau“ ganz unmittelbar „gegen die Panzer“ anreden, fügt indes sofort hinzu, es gehe, noch elementarer, auch „gegen den gleichen, immer wieder in Deutschland hergestellten Stacheldraht“, der „einst den Konzentrationslagern Stacheldrahtsicherheit gab.“

Im Rot der „Es-Pe-De“

Von der Adressatin wurde der Brief nie beantwortet. Dafür findet sich er sich jetzt unter den Exponaten der kleinen, aber hochkonzentrierten Kabinettausstellung, die Jörg-Philipp Thomsa unter dem Titel „Ein Bürger für Brandt“ für das Günter-Grass-Haus in Lübeck zusammengestellt hat. In fünf Kapiteln verfolgt sie den Schneckengang auf der Fortschrittsbahn, zu dem der Literatur-Nobelpreisträger von 1999 vor nun bald fünf Jahrzehnten aufgebrochen ist. Ganz in sozialdemokratischem Rot ist der Raum im Obergeschoss des Hauses gehalten, auf gelb grundierten Schriftbändern leuchten Schlüsselsätze aus dem Repertoire des „Es-Pe-De“-Propagandisten.

Mitten im Raum steht eine Litfaßsäule mit Wahlplakaten der sechziger und siebziger Jahre, ein paar Bierbänke laden zum Lesen alter Zeitungsausschnitte ein - großformatige Schwarzweißfotos, zumal von Robert Lebeck, illustrieren die Auftritte vor den Bundestagswahlen jener Zeit, über Kopfhörer kann man an jeder der chronikalischen Stationen Originaltönen lauschen, in einer Videobox sind Interviews mit früheren oder treu gebliebenen Weggefährten wie Arnulf Baring, Klaus Staeck oder Hartmut von Hentig zu hören und zu sehen.

Der Trommler zieht seine Bahn

Auch das Kinoposter von 1967 fehlt nicht, das für die Verfilmung der Novelle „Katz und Maus“ wirbt: Lars und Peter Brandt, die Söhne des damaligen Außenministers der ersten Großen Koalition, teilten sich darin die Rolle der Hauptfigur Joachim Mahlke, des desertierenden Ritterkreuzträgers mit dem so exponierten Adamsapfel. Aus dem Bundeskanzleramt des Jahres 1970 stammt das Original von Plan und Ablauf jener Reise nach Polen, bei der der Warschauer Vertrag unterzeichnet wurde, deren welthistorisches Zeichen dann vor allem Willy Brandts spontaner Kniefall am Ehrenmal des jüdischen Gettos war.

Für die Geschichte der Bundesrepublik ist das Verhältnis zwischen dem Poeten Grass und dem Politiker Brandt singulär. Begonnen hat es ebenfalls 1961, kurz nach dem Bau der Mauer. Damals freilich musste Grass heftig intervenieren, um Hans Werner Richter, den Chef der „Gruppe 47“, gnädig zu stimmen: Mit der Bemerkung: „Du bist doch Anarchist!“ wollte ihn Richter zunächst vom Besuch bei Berlins Regierendem Bürgermeister ausschließen. Mit seinen Wahlkampftourneen zumal der Jahre 1965 und 1969 hat Günter Grass dann eine ganz neue Form der Öffentlichkeit kreiert und etabliert. Von konservativen Gegnern wegen der „Blechtrommel“ und wegen „Katz und Maus“ als „schlüpfrig“ und als „Pornograph“ beschimpft, alsbald auch von der zumal studentischen Linken als „Revisionist“ verachtet, zog der Trommler für Brandt unbeirrt seine Bahn durch erzkatholische Landstriche und politikferne Kleinstädte.

Etwas fehlt

Dass dieser Dichter sich nicht scheute, über das „Kohleförderungsanpassungsgesetz“ seine Meinung ebenso zu äußern wie zum Abtreibungsparagraphen 218 oder zur Oder-Neiße-Grenze, imponierte schließlich sogar seinen Gegnern, wenn auch meist nur insgeheim. Der Rekurs auf den Nationalsozialismus jedoch blieb sein Leitmotiv. Zum Amtsantritt des Kanzlers Kurt Georg Kiesinger am 1. Dezember 1966 etwa veröffentlichte er in dieser Zeitung einen offenen Brief, in dem er fragte, wie man noch „der Toten von Auschwitz und Treblinka“ gedenken könne, wenn jetzt „ein Mitläufer von damals“ die Richtlinien der Politik bestimme. Die Vernichtungslager führte er auch 1990 an, um gegen einen neuen deutschen „Einheitsstaat“ zu argumentieren.

Angesichts dieses Leitmotivs, angesichts auch der vom Germanisten Volker Neuhaus im Katalog entwickelten These, für Grass gebe es gegenüber „Schuld und Scham“ nur eine „Buße im biblischen Sinne von Umkehr, Umdenken, Sinnesänderung“, mutet es schon wie eine Leerstelle an, dass die Ausstellung die sehr späte „Beichte“ des Günter Grass über die Einberufung des gerade Siebzehnjährigen in die Waffen-SS vom Herbst 1944 so ganz und gar ausspart. Das Eingehen darauf hätte aus einer schönen auch eine souveräne Ausstellung gemacht.

Nicht berührt wurde das Thema auch bei dem die Ausstellung eröffnenden Gespräch, das der achtzigjährige Günter Grass und der zweiundachtzig Jahre alte Siegfried Lenz am Sonntagabend in der Lübecker Katharinenkirche führten. Es waren ansonsten so funkelnd wie brillant formulierte Sätze, mit denen die beiden altersweisen, keineswegs milden Hauptfiguren des Bürgerengagements der Literatur auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblickten. Kaum eine Antwort hatten sie auf die Frage, warum solches Engagement bei heute jungen Literaten fast völlig fehle. So schwer aber ist die Antwort nicht: Die Zeit, in der ganz junge Autoren repräsentative Werke schreiben wie Grass einst „Die Blechtrommel“ oder Lenz „So zärtlich war Suleyken“, scheint vorbei. Vor allem aber ist der gesellschaftliche Stellenwert der Literatur entschieden kleiner geworden als in den fünfziger und sechziger Jahren.

Ein Bürger für Brandt - Der politische Grass ist bis zum 31. August im Lübecker Günter-Grass-Haus jeweils von Dienstag bis Sonntag zu besichtigen. Der Katalog kostet 6,90 Euro.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Barbara Klemm, dpa, Lübecker Museen


Tags: DU BIST DOCH ANARCHIST, gunter grass, politica, nobel, mobil, Propagandisten, Pornograph

Publicado por ChemaRubioV @ 11:18
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